Prof. Dr. May-Britt Kallenrode

Professorin für Experimentalphysik
mit Schwerpunkt Umweltphysik
an der Universität Osnabrück

Das Interview im Wortlaut

Ihr Forschungsfeld ist die Atmosphäre: Sie machen Ballonmessungen. Wie sind Sie denn dazu gekommen, die Welt zu verlassen und sich ein Arbeitsfeld über der Erde zu suchen?

Ich würde es nicht so sehen, dass ich die Welt verlassen habe. Ich habe während meines Physikstudiums als Nebenfach Meteorologie gehabt, dass heißt, es ist letztendlich Anwendung von Physik auf das, was in der Atmosphäre passiert.

Physik ist eine Möglichkeit, die Welt zu beschreiben?

Eine formale Möglichkeit, die Welt zu beschreiben. Und ich glaube, das ist das, womit ein Physiker seine Umwelt manchmal etwas irritieren kann, diese Form, die Welt zu beschreiben. Die verwende ich natürlich nicht nur, wenn ich hier am Schreibtisch sitze und jetzt versuche, meine Arbeit zu machen. Letztendlich beeinflusst die Form alles, was ich von der Welt sehe, auch wie ich soziale Beziehungen beschreibe. Und das ist natürlich etwas, das für einen Außenstehenden manchmal irritierend wirken kann. Und da kann ich mir vorstellen, dass ich da als Physikerin noch leichter Irritationen erzeuge als ein Physiker, weil formales Beschreiben einer Welt zusammentrifft bzw. in Konflikt steht mit dem "Ich bin eine Frau". Und als Frau wird von mir eher ein sozialerer Zugang pauschal erwartet.

Sie haben in Lüneburg ein Projekt zur Frühförderung von Mädchen in Naturwissenschaften. Was hat Sie stärker beeinflusst: mehr Mädchen in die Physik zu bringen oder die eigene Erfahrung?

Die Hauptantriebsfeder war die Situation in Lüneburg, die eher pädagogische oder didaktische als physikalische Forschung zulässt. Zum anderen natürlich die Darstellung von Physik, auch die Reaktion darauf, Frau in der Physik zu sein. Auch meine Studenten sagen das heutzutage, die männlichen Studierenden, wenn sie erzählen, sie studieren Physik ernten sie schon mal komische Blicke: "Wie kannst Du nur?" Und frau erntet diesen komischen Blick eigentlich immer mit dem Zusatz: "Wie kannst Du als Frau?" Und deshalb muss sich frau natürlich auch damit auseinandersetzen: "Ja, was heißt das, Frau in der Physik?" Ich empfinde das eigentlich nicht als etwas Besonderes. Mir wurde nie der Weg zu der Physik früh verbaut. Ich habe immer die Möglichkeit gehabt, lieber mit Autos als mit Puppen zu spielen, meine Mutter hat es mehr oder weniger zähneknirschend hingenommen. Was mir eben sehr, sehr wichtig ist: dass die Wahlmöglichkeit für die Mädchen bleibt. Und deshalb möchte ich eigentlich, dass früh in der Schule denen gezeigt wird: "Naturwissenschaften können etwas Interessantes sein, und wenn Ihr das später wollt, Ihr könnt das auch! Das ist nichts, was jetzt völlig unerreichbar ist oder was für Mädchen völlig unerreichbar ist." Das ist meine Hauptintention. Ich sehe es nicht als Ziel, jetzt beliebig viele Mädchen gegen ihren Willen da reinzuprügeln, um eine Frauenquote zu erfüllen oder so etwas. Aber ich möchte einfach nicht, dass Wege früh verbaut werden und da noch mal so einen kleinen Stoß geben.

Empfinden Sie sich selber als "starke Frau"?

Kann ich zurückfragen: "Was verstehen Sie als starke Frau?" Starke Frau, gut, rein formal habe ich vielleicht etwas geschafft, ich habe meinen Titel, ich habe die Stelle hier. Starke Frau im Sinne davon, dass ich keine Selbstzweifel kenne, das kann ich ganz deutlich verneinen. Bedenken: "Schaffe ich das, ist das das Richtige?", die habe ich sicherlich viel. Ich glaube auch, Selbstzweifel braucht man, auch um sich selbst ein bisschen beurteilen zu können. Die Frage ist eigentlich nur, wie gehe ich mit diesen Selbstzweifeln und manchmal Ängsten, etwas nicht zu schaffen, um. Und wenn Sie das betrachten, sich diesen Ängsten stellen zu können und die irgendwo halbwegs in die Ecke zu diskutieren, dann würde ich mich schon als "starke Frau" betrachten können - aber eben nicht als starke Frau in dem Sinne, dass ich jetzt strotzend vor Selbstbewusstsein überall auftrete. In dem Sinne bin ich keine "starke Frau".

Was haben Sie für einen Ratschlag für Frauen, die in die Wissenschaft und dort in eine führende Position wollen?

Aus meiner Erfahrung: Es ist zu schaffen. Der größte Gegner, der mir in meiner Laufbahn über den Weg gelaufen ist, das war ich selbst. Hauptproblem: meine Zweifel und dass ich sehr viele Schwierigkeiten habe, mich zu verkaufen. Das hängt natürlich mit den Zweifeln zusammen. Ich sehe meine Kollegen, die sagen einfach: "Ja, wir wollen das machen, das ist ganz, ganz toll, das müssen wir machen!" Ich frage mich eher: "Ist das wirklich wichtig, wozu mache ich das denn jetzt überhaupt?" Ich sehe nicht so sehr: "Gut, das ist jetzt ein Projekt, das mir 2 Millionen einbringt. Damit kann ich mich gut verkaufen." Das ist die Stelle, wo ich sagen würde: Das ist das größte Handicap, das ist nicht alleine, ausschließlich frauenspezifisch, aber anscheinend haben Frauen da wohl doch eher die Unsicherheit, genauer zu hinterfragen: "Wozu mache ich das?", und nicht nur den relativ schnellen Erfolg, die eingeworbenen Projektmittel oder die Veröffentlichungen zu sehen. da spielt sicherlich auch mit hinein, dass Frauen wesentlich stärker mit konfrontiert werden: "Du machst Physik und das als Frau!" Das heißt also, dass Selbstzweifel auch von außen aufrecht erhalten werden. Da ist der nötige Dickkopf, sich darüber hinwegzusetzen, glaube ich, das Allerwichtigste, die Fähigkeit, den eigenen Weg zu gehen.

Ist das auch Ihr Lebensmotto?

Ein richtiges Lebensmotto habe ich eigentlich nicht. Was mich am stärksten anspricht, ist eine Sache, die aus dem Buddhismus kommt, und die sagt: "Ein Zen-Buddhist fühlt sich auch in der Hölle wohl." Das heißt also ein ganz wichtiger Aspekt ist eben nicht nur, was meine äußeren Umstände sind, sondern wie ich mich denen stellen kann und wie ich damit umgehe. Und das ist eben auch diese Position: Es kann von außen ein Problem sein, aber ich muss mich dem stellen, ich muss auch da meine Zweifel überwinden können. Das ist für mich das Wichtigste.

Vielen Dank für das Gespräch.

   
   

Das Interview führte Sonia Wohlfarth Steinert 2002

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